01.03.2004 - "It's a clean sweep" - Return of the King holt 11 Oscars! Damit liegt das Epos aus Mittelerde gleichauf mit Ben Hur und Titanic und ist der vierte Preisträger, der seine Nominierungen zu 100% einfährt. Das hatten bisher nur It Happened One Night (1934 / 5 Noms), Gigi (1958 / 9) und The Last Emperor (1987 / 9) geschafft. Ansonsten war es ein Abend ohne besondere Sensationen: Theron, Zellweger, Robbins, Penn. Letzterer bekam Standing Ovations, ein Zeichen für die hohe Wertschätzung, die er inzwischen in Hollywood geniesst - keine Selbstverständlichkeit (s.u.). Murrays Enttäuschung, Billy Crystals aufmunternde Worte, bewegende Momente - aber leider so wenige. Viele der Preisträger galten in erster Linie deshalb als Frontrunner, weil sie in den vergangenen Wochen bereits bei den Globes und den verschiedenen Gilden abgesahnt hatten. Die fünfte Dankesrede innerhalb von zwei Monaten wirkt dann eben nicht mehr ganz so spontan und herzlich wie die eines völlig unerwarteten Überraschungserfolgs. Schade, dass für andere tolle Beiträge wie Lost in Translation wenig übrig blieb. Die Kanadierin, die den Preis für Barbarian Invasions in Empfang nahm, brachte es auf den Punkt: Der neuseeländische Beitrag war für Foreign Language glücklicherweise nicht nominiert. Insgesamt: Ein würdiger Abschluss für ein grossartiges, ambitioniertes Filmprojekt und ein durchschnittliches Filmjahr. Bis bald!

27.02.2004 - Endspurt - noch drei Tage! Die Stimmzettel liegen bereits bei PricewaterhouseCoopers, die Ergebnisse stehen fest. In den meisten Hauptkategorien gibt es klare Frontrunner. Völlig offen jedoch ist der Ausgang bei den adaptierten Drehbüchern: Der Herr der Ringe galt lange als unverfilmbar. Mit der Bearbeitung des Werkes für die Leinwand begann die enorme Leistung Peter Jacksons und seines Teams. Eine Auszeichnung für den dritten Teil stellvertretend für das gesamte Epos wäre sicher gerechtfertigt. Andererseits werden in dieser Sparte oft wichtige oder zumindest beliebte Filme bedacht, die bei Best Pic lehr ausgehen. Das wäre bei Mystic River oder Seabiscuit der Fall. Brian Helgeland war jedoch bereits 1998 mit L.A. Confidential erfolgreich. Gary Ross ist zum dritten Mal nominiert, seine Pferdegeschichte hat als Bester Film keine Chance, war aber bei Kritik wie Publikum gleichermassen erfolgreich. Die Writers Guild entschied sich vergangenen Samstag für American Splendor. Mangels weiterer Oscarnominierungen stehen die Chancen für diesen Kandidaten aber äußerst schlecht, dafür gibt es zumindest keinen Präzendenzfall. Hier, wie bei all den Tech-Awards - Kamera, Schnitt etc. - gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Return of the King sweeps, räumt sie der Reihe nach ab - oder sie werden mehr oder minder gerecht auf die vielen Anwärter verteilt, wie in den vergangenen Jahren.

25.02.2004 - Johnny Depp gewinnt gegen Sean Penn und Bill Murray!! Nicht bei den Oscars, die gibt es doch erst am Sonntag. Die Screen Actors Guild kürte ihn zum besten Hauptdarsteller des Jahres - und außerdem, weniger überraschend - Charlize Theron, Renee Zellweger und Tim Robbins. Keisha Castle-Hughes konnte sich also nicht in der Supporting Category durchsetzen. Könnte daran liegen, dass die SAG - im Gegensatz zu den Mitgliedern der Academy - keine Screener der nominierten Filme zugeschickt bekam (s.u.), und viele Whale Rider vielleicht gar nicht gesehen hatten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie jedoch auch am kommenden Wochenende das Nachsehen, zumal sie dann als Leading Actress antritt. Die Oscars für die darstellerischen Leistungen sind damit ebenfalls vorprogrammiert. Bis auf die Herren A-Klasse: Wem nimmt Johnny Depp die entscheidenden Stimmen weg? Der Preis für das beste Ensemble, das Pendant der SAG zu Best Picture, ging übrigens an - na? - yes: Return of the King. Das wiegt umso schwerer, als die fehlenden Schauspieler-Nominierungen das einzige klitzekleine Manko des Fantasyspektakels darstellten. Könnte die langweiligste Verleihung seit Jahrzehnten werden, wäre da nicht die wichtigste aller Oscarregeln: Nobody knows shit.

11.02.2004 - Wochenlang durchgehende Aufmerksamkeit für die US-Produktionen des vergangenen Jahres, das hält doch der hartgesottenste Fan nicht aus. Wird deutlich Zeit für eine Pause und einen wagemutigen Blick über den Tellerrand, auf die Oscarnominierungen 2005. Nach drei Jahren in Folge das erste ohne einen Beitrag aus Mittelerde. Ende 2004 startet The Aviator, ein Biopic über den legendären Filmproduzenten Howard Hughes, dargestellt von Leo DiCaprio. Ihm zur Seite stehen Cate Blanchett als Katherine Hepburn, Kate Beckinsale als Ava Gardner und Jude Law als Errol Flynn, um nur die Wichtigsten zu nennen. Hollywood feiert sich selbst, so haben sie's doch am liebsten. Und deshalb wird endlich auch Regisseur Martin Scorsese angemessen belohnt. Die restlichen Preise teilen sich Wolfgang Petersens Troja und die Leinwandfassung vom Phantom der Oper. Mel Gibsons Passionsgeschichte wird größtenteils ignoriert. Foreign Language geht wieder an einen deutschen Beitrag: Was nützt die Liebe in Gedanken mit Daniel Brühl und August Diehl. Zum kompletten Überblick im mittleren Frame geht es hier. 2006 kommt dann voraussichtlich der kleine Hobbit ins Spiel, aber das ist natürlich noch reine Spekulation.

09.02.2004 - Peter Jackson holt den DGA! Neben dem Neuseeländischen Hobbit waren Sofia Coppola, Clint Eastwood, Gary Ross und Peter Weir für den Preis der amerikanischen Regisseure nominiert. Wenn es so etwas wie verlässliche Indikatoren für die Oscars gibt, steht der DGA Award sicher an erster Stelle: Seit 1980 gab es lediglich vier Jahre, in denen der Preis nicht den Regie-Oscar vorwegnahm. Und ebenfalls nur vier Mal, in denen die Oscars für Directing und Best Pic an unterschiedliche Filme gingen, zuletzt 2003: Chicago, aber Roman Polanski - die Überraschung des Abends. Dies war auch die einzige Ausnahme von einer bis dahin unfehlbaren Regel: Jeder Regisseur, der Globe und  DGA gewinnt, nimmt hinterher auch den Oscar mit. Und wer hat noch gleich dieses Jahr... eben. Dazu kommt noch die Erfahrung, dass die Academy gerne nachträglich für übergangene Erfolge der letzten Jahre auszeichnet (vgl. Denzel Washington 2002, Robin Williams 1998). Braucht's noch mehr Hinweise? Oft gewinnt der Film mit den meisten Nominierungen, in knapp 50% der Fälle der längste der nominierten Beiträge, zu 70% der PGA-Gewinner. Wen hat die Producers Guild dieses Jahr ausgezeichnet? Lassen wir's. Regie und Pic sind für mich damit abgehakt. Bleiben drei Wochen für Überlegungen zu den anderen Kategorien.

07.02.2004 - Bill Murray oder Sean Penn? Beide waren bisher nicht unbedingt Lieblinge der Academy, was an diversen despektierlichen Äußerungen über Oscars und Globes liegen könnte. Penns Bagdad-Besuch kurz vor Kriegsbeginn und seine harsche Kritik an Bush und den Kriegsgewinnlern hat ihn auch nicht populärer werden lassen. Andererseits hat er 2003 mit Mystic River und 21 Grams gleich zwei preiswürdige Leistungen hingelegt. Erstmalig will er bei den diesjährigen Academy Awards persönlich anwesend sein, bei den Globes hat er sich noch aus familiären Gründen von Clint Eastwood entschuldigen lassen. Bill Murray war dort, und seine Dankesrede einer der Höhepunkte der Show. Tim Robbins war bereits vor ihm auf der Bühne gewesen, und hatte vergessen, seinen Agenten zu erwähnen. Meryl Streep kam kurz darauf an die Reihe, wies auf diesen Lapsus hin und bedankte sich bei ihrem - und einer endlosen Reihe anderer wichtiger Personen in ihrem Leben. Murray begann deshalb mit der Feststellung, die Anwesenden könnten aufatmen, er habe seinen Agenten bereits vor Monaten gefeuert. Und sein Fitnesstrainer habe sich umgebracht. Knochentrocken kam das, fast traurig. Als ob es die Wahrheit sei. Wie die IMDB heute berichtet, ist es das auch, beides. Die Tragik der Komödianten: Sie werden nie ernst genommen.

05.02.2004 - Janet Jackson und Justin Timberlake haben an sich mit den Oscars nicht viel zu tun. Doch ihr skandalträchtiger Auftritt beim Super Bowl, als der wilde Justin der vermeintlich überraschten Janet das Oberteil herunter riss, könnte weitreichende Folgen haben. Jacksons fast entblößte Brust ist inzwischen das meistrecherchierte Ereignis beim Internet-Suchdienst Lycos seit den Anschlägen vom 11. September und noch vor dem Nacktfilmchen von Hilton-Erbin Paris, das zuletzt die amerikanischen Puritaner-Gemüter erhitzt hatte. AOL, einer der Hauptsponsoren der Super Bowl Show, fordert angeblich Schadenersatz in Millionenhöhe, und so werden - nicht zum ersten Mal - Forderungen laut, alle entsprechenden Großveranstaltungen nicht mehr live, sondern leicht zeitversetzt auszustrahlen. Es geht dabei nicht um Stunden, sondern eher um eine Zeitspanne im Sekundenbereich, die es dem ausstrahlenden Sender ABC erlauben würde, notfalls auszublenden oder ein schlimmes F-Wort zu überpiepen. Aber wer garantiert, dass nicht auch mal ein politisches Statement a la Michael Moore von übereifrigen Zensoren abgeschnitten wird? Bisher hatte sich die Academy deshalb entsprechenden Überlegungen stets widersetzt. Bleibt abzuwarten, ob diese liberale Einstellung bei der aktuellen Hysterie zu halten sein wird.

03.02.2004 - Eine der spannendsten Entscheidungen des Jahres wird die zur besten weiblichen Hauptrolle. Bis zu den Golden Globes sah es nach einem ausgemachten Rennen für Charlize Theron aus. Wochenlang hatte sie sämtliche Kritiker und Gerüchte auf ihrer Seite. Sie spielt eine reale Person und hat sich für die Rolle ordentlich Pfunde angefuttert - beides Strategien, mit denen schon Robert DeNiro 1981 für Raging Bull punkten konnte. Doch dann die große Überraschung: Keisha Castle-Hughes wurde ebenfalls als leading act in Whale Rider aufgestellt, obwohl sie für supporting beworben worden war. Die Screen Actors Guild, die ihre Auszeichnungen eine Woche vor den Oscars vergibt, hatte sich in ihren Nominierungen noch an den Vorschlag der Produzenten gehalten, doch die Academy erkannte - völlig korrekt - auf Hauptrolle. Noch vor einer Woche hieß es: Wenn Whale Rider genügend Wähler gesehen haben, dass es für eine Nominierung zur besten Nebenrolle reicht, wird Keisha Castle-Hughes den Preis auch holen - denn wer sie erlebt hat, kann unmöglich gegen sie stimmen. Doch als Hauptrolle, eine 13jährige Newcomerin gegen die allseits beliebte Charlize? Möglich auch, dass sich die Stimmen gleichmässig auf beide verteilen, und eine lachende Dritte zum Zuge kommen lassen, Diane Keaton oder Naomi Watts.

31.01.2004 - Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag kommt Carmine Caridi zur diesjährigen Oscarverleihung ganz groß raus. In den letzten Jahren war er nur noch selten auf der Leinwand zu sehen. In den 80ern und 90ern wirkte er an Hits wie dem Paten II und III, Bugsy und Havana mit, allerdings immer nur in kleinen Nebenrollen. Doch zur Zeit gehört ihm Hollywoods volle Aufmerksamkeit, denn wie sich jetzt herausgestellt hat, ist Mr. Caridi ein Pirat! Kein karibischer Kompagnon von Jonny Depp, nein: ein Filmpirat, der die VHS-Präsentationen, die ihm in seiner Eigenschaft als Mitglied der Academy zugeschickt wurden, ruchlosen Raubkopierern überlassen hat. Diese sog. Screener werden neuerdings mit einer Art Wasserzeichen versehen, die eine Rückverfolgung zum Empfänger des Bandes möglich macht, falls im Internet Kopien auftauchen (s.u.) Nun hat er zwei Klagen am Hals: Eine von Sony betreffend "Big Fish" und "Something's Gotta Give", die andere von Warner wg. "The Last Samurai" und "Mystic River". Der Solidaritätsbeitrag für Anwalts- und Gerichtskosten wird bei den bundesweiten Oscar-Übertragungen eingesammelt. Alternativ ist auch Überweisung möglich, Bankverbindung auf Anfrage.

29.01.2004 - 11 Nominierungen für die Rückkehr des Königs! Man stelle sich vor, das Epos hätte auch noch besondere schauspielerische Leistungen aufzuweisen... Aber 7 für Seabiscuit? 10 für Master and Commander?? Das Durchschnittsalter der Academy-Mitglieder liegt eben etwas höher. Die absolute Anzahl ist ohnehin nicht sehr aussagekräftig. Lost in Translation beispielsweise kann die 4 Nennungen in den Hauptsparten als vollen Erfolg verbuchen, denn Sofia Coppolas Autorenfilm ist nicht unbedingt ein typisches Oscarvehikel. Im Gegensatz etwa zu Cold Mountain, und so gilt Miramax trotz der 7 Kategorien seines aktuellen Flaggschiffs bereits jetzt als großer Verlierer. Die Campaign-Profis ohne Vertreter für Best Picture, wann hat es das zuletzt gegeben? Der unerwartete Erfolg von City of God (ebenfalls 4) lässt zudem erahnen, was aus dem brasilianischen Meisterwerk hätte werden können, hätte sich Miramax ein Jahr früher zu einem landesweiten Start entschlossen - zumindest Foreign Language wäre wohl drin gewesen. Glück für Caroline Link im vergangenen Rennen, oder Pech für Lenin im diesjährigen? Zweimal hintereinander Erfolg für deutsche Beiträge, damit ist eben leider nicht zu rechnen. Mehr zu den weiteren Überraschungen in den nächsten Tagen. Und Sean Astin war super, wirklich!

27.01.2004 - Erstmalig überträgt Pro7 dieses Jahr nicht nur die Academy Awards Ceremony, sondern auch die Verleihung der Golden Globes (sowie in zwei Wochen die Grammys). Bekanntlich werden die Globes vom Verband der Auslandspresse in Hollywood vergeben. Das sind natürlich deutlich weniger Leute als die knapp 6000 Mitglieder der Filmakademie. Entsprechend findet die Veranstaltung in kleinerem Rahmen und dadurch etwas ungezwungener statt. Die Gäste sitzen nach nominierten Film- und Fernsehbeiträgen gruppiert an Tischen zusammen, es gibt mehr Zwischenrufe und spontane Reaktionen. So ähnlich hätte wohl das europäische Pendant aussehen sollen (s.u.): Eine lockere Mischung aus Preisverleihung und Filmparty. Hoffentlich haben die Veranstalter vorgestern ebenfalls Pro7 geguckt.
Allzu viele Überraschungen hatte der Abend allerdings nicht zu bieten: Drama+Regie an den zurückgekehrten König, zwei Darstellerpreise für Eastwood's River (Tim Robbins: "Clint - you're the MAN!"), Charlize, Diane, Renee. Letztere blieb die einzig Glückliche des Cold Mountain Ensembles - ein erster Fingerzeig Richtung Oscars? Kräftig Rückenwind gab es hingegen für Sofia Coppolas Lost in Translation. Bin gespannt, ob die Oscarnominierungen heute nachmittag diese Trends bestätigen.

20.01.2004 - Noch eine Woche bis zur Bekanntgabe der Nominierungen. Die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers sind bereits mit der Auswertung beschäftigt. Und das läuft in etwa so: Im ersten Wahldurchgang wurde getrennt nach Kategorien abgestimmt. Regisseure nominieren für Best Directing, Autoren für die Drehbücher etc. Die Wahlunterlagen jeder Sparte werden zunächst nach der Erstpräferenz sortiert. Jeder Vorschlag mit einer festgelegten Mindestanzahl Stimmzettel ist sofort nominiert. Die Schlüsselzahl jeder Kategorie ergibt sich aus folgender Formel: Anzahl der Stimmen geteilt durch 6. Bei den Art Directors wären z.B. 61 Nennungen an erster Stelle notwendig (364/6, vgl. Aufzählung links). Sobald ein Film nominiert ist, werden die Unterlagen, die dafür ausgewertet wurden, nicht weiter berücksichtigt - die weiteren Präferenzen sind irrelevant.
Alle Kandidaten ohne Erstnennung fliegen sofort aus dem Rennen. Da kann bspw. Whale Rider noch so oft als zweitbester Film genannt worden sein - nix da. Die Logik dahinter: Wenn kein einziges Mitglied einen Film für den besten des Jahres gehalten hat, dann war er es vielleicht tatsächlich nicht.
Dann werden die Stapel mit den niedrigsten Summen an Erststimmen auf die anderen Stapel verteilt. Dabei ist die zweite Nennung ausschlaggebend. Und danach vielleicht noch die dritte, vierte, fünfte. Bis alle Stimmzettel ausgewertet und fünf Nominierungen zusammen sind. Alles klar? Detailfragen bitte an PwC.

16.01.2004 - Ein Gespenst geht um in der Filmbranche - das Gespenst der Raubkopie. Alle Mächte des Business haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, die Motion Picture Association of America und die deutsche Kulturstaatsministerin, französische Produzenten und italienische Schauspieler, Sony und Miramax. Die MPAA hätte die Gelegenheit gerne genutzt und die Konkurrenz kleiner, womöglich avantgardistischer, Produktionen gleich mit platt gemacht: Ein "Screener Ban" wurde beschlossen, der Versand von Filmpräsentationen auf DVD oder VHS vor der offiziellen Video-Auswertung verboten. Die Mitglieder aller award giving communities wären damit zum ersten Mal seit den 70ern wieder auf die Kinovorführungen angewiesen gewesen, um sich ihr Urteil zu bilden. Dieser Versuch, die grossen Studios und ihre Blockbuster zu pushen, liess sich nicht durchsetzen. Internationale Regisseure und Schauspieler liefen Sturm, diverse Festivals wurden aus Protest abgesagt. Als Kompromiss wurde vereinbart, nur die Oscarwähler mit speziell codierten VHS-Bändern zu versorgen, die eine Rückverfolgung digitaler Kopien zulassen. Was bedeutet das für "Lost in Translation", "Whale Rider" und "The Cooler" - Oscar ja, Globe nein? Für uns bedeutet es jedenfalls in Zusammenhang mit der zweiten Änderung dieses Jahres (s.u.) ein noch höheres Maß an Unberechenbarkeit und damit Spannung.

15.01.2004 - Dieses Jahr wird alles anders. Das liegt zunächst an dem vorgezogenen Termin: Statt Ende März werden die Academy Awards nun bereits am 29. Februar vergeben. An sich egal, oder? Doch diese Neuerung könnte einige bisher verlässliche Indizien zur Früherkennung der Favoriten und auch die Meinungsbildung innerhalb der Academy selbst beeinflussen. Denn in den letzten Dekaden hatte sich eine Abfolge von Preisverleihungen entwickelt, aus deren Verlauf manche Oscar-Insider die Ergebnisse zu lesen behaupteten wie aus einem Horoskop. Zuerst das National Board of Review, um das Karussel in Schwung zu bringen, dann die Golden Globes mit ersten aussagekräftigen Entscheidungen, und schliesslich die Guilds: Producers, Directors, Actors, Writers, Costume Designers, Cinematographers, Editors etc.pp., alle oft erstaunlich nah dran an den Oscars. In Hinblick auf diese Orakelfunktion waren die entsprechenden Termine natürlich auch gewählt worden - wer würde ihnen einen Monat später noch Aufmerksamkeit schenken? Wie im alten Delphi sorgten die Sybillen durch ihre Prophezeiungen zugleich für deren Realisierung: Die Mitglieder der Academy wählten ihrerseits mit den Ergebnissen der Innungen im Kopf, denen sie zum Teil selbst angehören. Die Globes wurden so frühzeitig verliehen, dass noch nicht einmal die Wahlen zur Oscarnominierung abgeschlossen waren. Nicht so dieses Jahr, zu eng der Zeitplan. Doch der entscheidende Unterschied zu früheren Jahren ... wird morgen verraten!

10.12.2003 - Hat neulich jemand auf arte die Verleihung der Europäischen Filmpreise gesehen? Eine interessante Veranstaltung. Inzwischen bemüht sich die europäische Akademie offensichtlich, der Show mehr Glanz und Glamour zu verleihen - so gab es diesmal einen Ehrenpreis für Claude Chabrol, überreicht durch Isabelle Huppert. Jeanne Moreau sprach auch noch ein paar offizielle Worte, nachdem sie sich vorher bereits aus dem Publikum lautstark für Raucherlaubnis eingesetzt hatte. Eröffnet wurde die Gala von Wim Wenders, und Heino Ferch geleitete charmant durch den Abend.
So weit, so nett. Aber war denn in Berlin wirklich kein Theater oder sonst irgendein Saal mit einer ordentlichen Bühne aufzutreiben? Diese improvisierte Bestuhlung, vorne ein paar Quadratmeter frei für die Preisübergabe - das sah doch sehr nach der Weihnachtsfeier einer kleinen Vertriebsklitsche aus, nicht nach der wichtigsten Auszeichnung der europäischen Filmszene. Tolle Idee dafür: Die Maske war nicht irgendwo backstage, sondern vorne direkt neben der Moderation. Während sich ein Gast gerade noch für den Preis bedankte, wurde nebenan schon die nächste Diva geschminkt und konnte dann direkt von dort zwei Meter nach rechts zu ihrem Auftritt weiter schreiten.
Aussergewöhnlich auch die Dankesreden: "Also ich bin von dem Tisch da hinten, wo schon die ganze Zeit so viel Allohol getrunken wird, hicks - und der da auch" (zeigt auf den zweiten Preisträger). Ja, hier war europäische Sinnlichkeit angesagt statt keimfreier correctness wie in Hollywood, meint zumindest die Süddeutsche. Ich freu mich auf die Oscars.