2. "Ein weites Feld" - Themenabgrenzung

2.1. Die Bedeutung audiovisueller Massenmedien

Die Entwicklung und Verbreitung neuer Medien hat in der Geschichte mehrfach zu epochalen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen geführt: Die Schrift war gegenüber der Vergänglichkeit mündlicher Überlieferung ein wichtiger Schritt zur Wahrung eines kulturellen Gedächtnisses und eines geschichtlichen Bewußtseins. Sie ermöglichte die Entwicklung der formalen Logik und die Entstehung unseres heutigen Verständnisses von Wissenschaft 4.

Der Buchdruck revolutionierte erneut die Bedingungen des soziokulturellen Lebens. Die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten der Vervielfältigung, ihre verhältnismäßig schnelle Geschwindigkeit konnten einer Masse von potentiellen Lesern zugänglich machen, was vorher einigen wenigen vorbehalten gewesen war. Die Verbreitung der Druckproduktion ist in Europa Anfang des 16. Jahrhunderts aufs engste mit der Ausbreitung der Reformationsbewegung verbunden, im 18. Jahrhundert dann - Hand in Hand mit Alphabetisierungskampagnen - mit der Aufklärung. Winter und Eckert weisen darauf hin, daß "der Buckdruck zu einem Primat des Sehens und zum (bereits durch die Schrift eingeleiteten) Übergang zu einer durch das Visuelle bestimmten Kultur" 5 führte.

Allein in dieser Hinsicht stellen die neuen Medien der Wende zum 20. Jahrhundert - Photographie und Film - noch einmal große Schritte dar. Die gleichzeitige Fortentwicklung der Aufzeichnung und des Transports von Ton sowie der drahtlosen Fernübertragung, ermöglichten zunächst Radio und Telefon, in Verbindung mit den visuellen Medien den Tonfilm und schließlich das Fernsehen, unser Alltagsmedium par excellence. Sie sind in ihren Konsequenzen noch längst nicht endgültig einzuschätzen, da befinden wir uns - angesichts der atemberaubenden Expansion der Computer-Technologie - schon im nächsten Sprung in ein neues, "multimediales" Zeitalter, mit noch radikaleren, zum jetzigen Zeitpunkt noch weniger absehbaren Folgen.

Die Entwicklung der audiovisuellen Medien und ihres Gebrauchs hängen eng mit der Industrialisierung, den technischen, kulturellen und sozialen Umwälzungen des letzten Jahrhunderts zusammen - Medienentwicklung und gesellschaftliche Entwicklung gingen und gehen sozusagen seither Hand in Hand. Was Zielinski für die Anfänge des Kinos zur Jahrhundertwende feststellt, trifft in entscheidenden Punkten auch noch auf das Fernsehen und neuerdings virtuelle Computerwelten zu:

"In der die visuelle Wahrnehmung des Menschen überlistenden rhythmischen Projektion von (...) Photos (...) fand das der Industrialisierung unterworfene Subjekt offenbar seine ihm gemäße kommunikative Befriedigung. Optisch und akustisch inszenierte Traumwelten lieferten den durch das Jahrhundert der Dampfmaschine, der Mechanisierung, der Eisenbahn und schließlich der Elektrizität Gehetzten den Stoff für die Befriedigung ihrer Begierde nach sinnesreicher Abwechslung und Zerstreuung, Eskapismus, aber auch Orientierung" 6

All diese Aspekte sind für das an Individualisierungsprozessen teilnehmende Subjekt heute nicht minder wichtig - Hetze, Unsicherheiten, Wünsche nach Abwechslung, Zerstreuung und Orientierung sind mehr denn je Charakteristika sozialen Lebens. Medien erfüllen den typischen Doppelcharakter in hohem Maß: Sie bieten alternative Realitäten, die zur Flucht genutzt werden können, aber auch als Flohmarkt für die Suche nach Bastelmaterial zur Konstruktion eigener Wirklichkeiten und Identitäten. Gleichzeitig treiben sie selbst den Prozeß weiter an, der in diesen Umgangs- und Gebrauchsformen resultiert.

Die audiovisuellen Medien sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken. Den weitaus größten Teil der Bevölkerung westlicher Industrienationen begleiten sie schon ihr ganzes Leben lang. Was wir von der Welt wissen, die Vorstellung, die wir uns machen, ist im wesentlichen medial vermittelt. Medien prägen die menschliche Wahrnehmung von Raum und Zeit, unser Bild von Geschichte und Gegenwart - wenn wir uns beispielsweise vorstellen, wie das Leben im alten Rom oder im Mittelalter ausgesehen haben mag, sind die Vorstellungen der meisten Leute weniger von dem geprägt, was sie vielleicht im Geschichtsunterricht gehört haben, sondern wahrscheinlich vielmehr davon, was in "Quo Vadis" oder in verschiedenen filmischen Variationen von "Robin Hood" zu sehen war.

Durch die Möglichkeit, Gegenwärtiges abzuspeichern und in Zukunft immer wieder zu reproduzieren, und das prinzipiell an jedem Ort der Welt, verlieren die bisherigen Koordinaten menschlichen Denkens ihre Stabilität, geraten wir in neue Dimensionen der Orientierung.

An der Wahrnehmung von Ereignissen sind die Medien in mehrerlei Hinsicht beteiligt 7

Einerseits berichten sie mehr oder weniger "wahrheitsgetreu" oder "objektiv" über Ereignisse, und zwar selbstverständlich nicht über alle, die rund um die Welt tagtäglich stattfinden, sondern nur über ausgewählte "relevante" und "interessante". Die Art der Wiedergabe orientiert sich dabei an den Anforderungen des Mediums bzw. auch den Anforderungen an das Medium: Angesichts permanent zappender Zuschauer tendieren die konkurrierenden Sender zu immer schnelleren Schnittfolgen und möglichst aussagekräftigen Bildern.

Zum anderen beeinflußt mediale Berichterstattung den Ablauf vieler Ereignisse - beispielsweise wenn Reportagen über einen Krieg zu Reaktionen der Wähler führen und damit zu politischen Konsequenzen. Manche Ereignisse finden überhaupt nur statt, weil Medien darüber berichten: z.B. ein Großteil von Wahlkampfaktivitäten oder auch Aktionen, wie die von Greenpeace. Zuweilen wird in der Diskussion um die Realitätsvermittlung durch Massenmedien darauf hingewiesen, Medien vermittelten eine "Wirklichkeit aus zweiter Hand", da "durch die massenhaft produzierten Abbildwelten die personale Wahrnehmung von Welt zunehmend verloren geht und das konkrete Welt-Bild durch die künstlichen Bildwelten beeinflußt wird" 8. Hier wird leicht übersehen, daß es einen unmittelbaren, einen deutungsfreien Zugriff auf die Wirklichkeit nicht gibt, sondern immer nur das Resultat von Deutungen des sich Welt aneignenden Subjekts. Zurecht wird aber auf die Möglichkeit verwiesen, daß durch den Realitäts- und Glaubwürdigkeitsanspruch der Medien, die Eindrücke verschiedenster Lebensbereiche vermitteln, der Stellenwert persönlicher Erfahrungen abnimmt, die mediatisierte Welt zunehmend für die einzig reale gehalten wird. Baudrillard hat diese Tendenz zur Vermischung von Realem und Medialem als "Hyperrealismus" 9 beschrieben.

Wichtig ist jedenfalls, daß sich in der von Medien vermittelten Wirklichkeit das Gewicht vom begrifflichen zum ästhetischen Denken verschiebt: "Visualität wird zum Charakter der sozialen Welt und zum beherrschenden Medium ihrer Deutung" 10. Zweitens bleibt festzuhalten, daß die Medienrealität von der im Alltag erlebten Realität keineswegs immer klar zu trennen ist: Beide durchdringen sich gegenseitig 11. Dies ist natürlich um so stärker der Fall, wenn das medial Vermittelte nicht nur durch seinen visuellen Wirklichkeitseindruck, durch das bewegte Bild, real erscheint, sondern wenn dieser Eindruck noch durch die parallele Übermittlung des dazugehörigen Tons verstärkt wird (vgl. 4.1.), wie das beim Kinofilm seit den zwanziger Jahren und v.a. beim Fernsehen - in naher Zukunft auch bei den sogenannten "multimedialen" Angeboten über weltweite Datennetze - der Fall ist und sein wird. Von entscheidender Bedeutung sind demnach die audiovisuellen Medien, auf die ich mich in dieser Arbeit deshalb auch im wesentlichen beschränke. Diese Einschränkung wird nicht in allen der herangezogenen Ansätze gemacht, wie überhaupt die Verschiedenartigkeit unterschiedlicher Medien hinsichtlich unterschiedlicher Rezeptionssituationen meiner Ansicht nach zu wenig thematisiert wurde.

2.2. Geschichte und Entwicklung der audiovisuellen Medien

Die ausgewählten Theorien und Modelle zur Medienrezeption entstanden selbstverständlich zu unterschiedlichen Zeiten und deshalb vor unterschiedlichem Hintergrund in Hinblick auf die jeweils dominanten Medien. Dies ist ein Punkt, der in der folgenden Darstellung der medialen Entwicklung seit Ende des vorigen Jahrhunderts Beachtung finden wird. Ein zweiter relevanter Aspekt sind die typischen Charakteristika bestimmter Medien und der damit verbundenen Rezeptionen, die ihren Weg von Anfang an begleiteten, die aber bei der wissenschaftlichen Betrachtung bisher nur am Rande eine Rolle spielten.

2.2.1. Die Geburt des Kinos

Die Geburt des Kinos - einem der wichtigsten direkten Vorläufer unserer heutigen audiovisuellen Medien - wird im allgemeinen mit der ersten öffentlichen Vorführung von Auguste und Louis-Jean Lumière am 28. Dezember 1895 angegeben. Der Cinematograph, den die Brüder an diesem Tag erstmalig einem zahlenden Publikum vorstellten, war aber keine absolute Neuheit:

"Im 19. Jahrhundert gab es eine Reihe von Erfindungen, die den optischen Eindruck von Bewegung erzeugen wollten, und solche, die umgekehrt versuchten, tatsächliche Bewegungen optisch zu fixieren" 12.

So hatte z.B. Thomas Alva Edison bereits 1887 in den USA die ersten Aufnahme- und Betrachtungsgeräte für bewegte Bilder konstruiert 13 und ein Jahr vor den beiden Franzosen einen ersten Film mit Copyright eintragen lassen. In Berlin experimentierte zur gleichen Zeit Max Skladanowsky mit seinem "Bioskop", am 1. November 1895 veranstaltete er im Wintergarten seine erste öffentliche Vorführung 14.

Der Apparat der Brüder Lumière war eine "in wesentlichen Details verbesserte Weiterentwicklung der Edison-Erfindung" 15. Der nächste wichtige Schritt in Richtung des Kinofilms, wie wir ihn heute kennen, erfolgte ein weiteres Jahr später mit der Entwicklung des "Malteserkreuzes" durch Oskar Meßter 16, das den ruckweisen Filmtransport durch den Projektor möglich machte und damit die nahtlose Folge der Einzelbilder, die dem menschlichen Auge durch die Nachbildwirkung als Bewegung erscheinten. 1896 führte auch Edison sein Vitascope erstmalig in New York einer breiteren Öffentlichkeit vor.

"Damit hatte die rein technische Seite, die Belichtung und Projektion des Zelluloidstreifens, eine Vervollkommnung erreicht, die bis zur Einführung des Tonfilms Ende der 20er Jahre keine wesentliche Veränderung mehr erfuhr" 17.

2.2.2. Parallele Entwicklung der Fernsehvorläufer

Parallel zur Entwicklung des Films, der die Konservierung und wiederholte Reproduktion von Visuellem ermöglichte, wurde aber schon ebenso lange an den Grundlagen der elektrischen Übermittlung von Bild und Ton gearbeitet, an einem Medium also, "bei dem die Herstellung visueller Reproduktionen und ihre Anschauung zeitlich praktisch zusammenfallen sollten, auch wenn Sender und Empfänger räumlich weit voneinander entfernt sich befänden" 18.

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der elektrische Telegraph seinen Siegeszug bei der Fernübermittlung von Informationen angetreten 19. Am 14. Februar 1876 wurden in Washington gleich zwei Patente für Telephon-Apparate angemeldet 20. In den folgenden Jahren gab es vielerlei Überlegungen, solche und ähnliche Geräte zur Übertragung von Bildern nutzen - auch bewegt und sogar schon in Farbe 21. Ebenso lange gab es auch Bemühungen, drahtlose Möglichkeiten der Telegraphie zu finden, die allerdings erst in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts in Funk und schließlich Radio mündeten 22. In der Zwischenzeit hatte der Film bereits einige weitere wichtige Schritte getan, sowohl in Hinblick auf technische Verbesserungen, als auch vor allem hinsichtlich einer zunehmend breiten Publikumsakzeptanz.

2.2.3. Vom Nickelodeon zum Filmpalast

Die ersten, inhaltlich noch ziemlich einfachen Filme der Jahrhundertwende fanden zahlreiches Publikum als Attraktionen auf Rummelplätzen. Bald wurden auch Theater und Varietés für Filmvorführungen genutzt 23. In den USA entstanden die sogenannten Nickelodeons, erste Filmtheater, für die der Eintritt etwa fünf Cent (einen Nickel) betrug.

In der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg wurde das Kino vor allem von Angehörigen der städtischen Unterschichten besucht: "in den USA von den Einwanderern, die die englische Sprache nicht beherrschten und sich die Stummfilme der Nickelodeons ansahen (..); in Europa von den Arbeitern der Vorstädte" 24. Das Kino erregte jedoch bald auch "die Aufmerksamkeit des Mittelklassenpublikums 25. Zunächst wurde es als pädagogisch verwertbares Mittel der Massenbeeinflussung in Form der Zensur und wenig später zur eigenen Unterhaltung entdeckt" 26.

Angesichts des steigenden Andrangs wurden bald "Ball- und Konzertsäle (..) umgebaut, bzw. Lichtspielhäuser traten als eigenständige Gebäude im Erscheinungsbild der Metropolen auf" 27.

"In Hamburg betrieb der Kinopionier James Henschel 1906 schon drei Kinos, von denen das bestbesuchte (...) 1000 Plätze hatte, was 8000 tägliche Besucher ermöglichte" 28.

Die Nickelodeons verschwanden nach und nach und es entstanden die Filmpaläste, die sich schon rein äußerlich an klassizistischer Architektur orientierten 29. Es wird versucht, den Kinos ein "Kulturimage" zu geben und sie in "großstädtische Architektur und großstädtisches Kultur- und Freizeitleben" 30 zu integrieren.

Für das Kino lag zwischen den beiden Weltkriegen das Goldene Zeitalter: Es wurde nicht einfach nur ein Film gezeigt, mindestens genauso wichtig wurden die sich entwickelnden Zeremonien mit Beiprogramm, Symphonieorchester, Orgel, Ballett, Chor, von denen heute noch Reste übrig sind. Die Kino-Tempel, architektonisch

"mit einer Vielzahl von eklektisch bunt gemischten Stilelementen aus Renaissance, Gotik, art déco und spanisch-maurischen Anspielungen lassen 'Kino' als Ort von purer Illusion ausweisen (...). 'Kino' wird zu einem 'anderen' Raum, zu einem Phantasie- und Illusionskontext suggerierenden Spectaculum" 31.

2.2.4. Von der Phonographie zum Rundfunk

Schon im 19. Jahrhundert hatte es auch Versuche gegeben, Bild und Ton aufzuzeichnen und gemeinsam abzuspielen 32. Das Problem, daß der Ton kontinuierlich aufgezeichnet werden muß, während das Prinzip des Films darauf beruht, daß aufeinanderfolgende Einzelbilder als bewegt wahrgenommen werden, wurde von den Filmpionieren Anfang unseres Jahrhunderts dadurch zu umgehen versucht, daß man Bild und Ton getrennt aufnahm und später synchron zur Filmvorführung eine Schallplatte laufen ließ. Ende der zwanziger Jahre setzte sich das neu entwickelte Lichtton-Verfahren durch. Der Übergang zum Tonfilm war eine revolutionäre Verbesserung hinsichtlich der Suggestivkraft des Films und hinsichtlich des Wirklichkeitseindrucks für den Betrachter 33. Diese Eigenschaft des Mediums wurde mit der Durchsetzung des Farbfilms in den folgenden zehn Jahren weiter verstärkt.

Nicht nur die phonographische Konservierung und Reproduktion von Ton, auch die elektrische drahtlose Übermittlung wurde in den zwanziger Jahren entscheidend vorangebracht. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Funk in Deutschland erstmalig benutzt, in den Anfangsjahren der Weimarer Republik wurden erstmals Konzerte übertragen, ab 1923 strahlte der erste deutsche Rundfunksender in Berlin sein Programm aus. Telefon und Radio waren - bis auf die Unterschiede der Übertragung - anfänglich hinsichtlich ihres Zwecks ganz ähnlich konzipiert 34. Bei beiden stand zunächst auch nicht fest, ob die Entwicklung eher hin zur einseitigen Übertragung von Konzerten, Hörspielen oder Pressemeldungen gehen würde oder zu neuen Kommunikationsmedien, mittels derer jeder Besitzer eines Geräts theoretisch mit jedem anderen in Kontakt treten kann. Brecht zielte in seinen als "Radiotheorie" bekannten Aufsätzen zum Rundfunk 35 auf die Chancen, die damit einhergingen:

"Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens ... wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen" 36.

Während das Telefon jedoch schon seit der Jahrhundertwende mehr und mehr zur Kommunikation zwischen einzelnen Partnern diente und zentrale Aussendungen von Programmen bald zur rudimentären Info-Ansage verkamen 37, wurde das Radio zum One-Way-Medium der Informations- und Unterhaltungsübermittlung von Sendern zu Zuhörern 38. Beiden technischen Apparaturen war allerdings gemein, daß sie zum einen - im Gegensatz z.B. zum Kino 39 - in vorher nicht gekannter Weise in die Privatsphäre eindrangen. Zum anderen ermöglichten sie erstmals breiten Schichten, zeitgleich an Geschehnissen teilzuhaben, die sich an anderen Orten abspielen, halfen weite Entfernungen zu überbrücken und machten die Welt gleichsam "kleiner".

"Wie Telegraphie und Telefon trägt auch das Radio zum ,Verschwinden der Entfernung' bei. Es überbrückt Räume und entgrenzt so die Kommunikation in räumlicher und zeitlicher Hinsicht. Es ist nach dem Telefon das zweite Medium, das seine Nutzer direkt, wenn auch nur mittels des Tons, an fernen Ereignissen teilnehmen läßt. Dadurch, daß es auch menschliche Stimmen und damit unverwechelbare individuelle Eigenschaften ,transportiert', wirkt das Radio ,persönlicher' und ,intimer' als Druckmedien. Sowohl als ,Aktualitätsgenerator' als auch als Übermittler von ,Authentizität' leitete es eine neue Phase in der Medienentwicklung ein und bereitete das Fernsehen vor" 40.

2.2.5. Film und Funk als Träger politischer und

wirtschaftlicher Interessen

Die nationalsozialistische Propaganda wußte die neuen Medien gut für ihre Zwecke einzusetzen. Der "Volksempfänger" brachte den "Führer" in die Wohnzimmer, der Film das rechte Volksempfinden auf die Leinwand. Die Sowjetunion diente dabei als Beispiel: Dort wurde der Film seit der Oktoberrevolution mit Staatsgeldern gefördert, Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin (1925) ist bekanntgeblieben als eines der wichtigsten Werke aus den Versuchen, sozialistische Ideen über den Film zu vermitteln 41. Im faschistischen Deutschland wurde neben propagandistischem Anschauungsmaterial v.a. der unterhaltungsorientierte Film gefördert. Dieses Konzept bescherte dem Kino in Deutschland zwar zunächst die höchsten Besucherzahlen seiner Geschichte (die Zahl der Kinobesuche stieg ab Mitte der dreißiger Jahre in bis dahin unerreichte Höhen 42), letztlich verhalfen aber Faschismus und Krieg in Europa dem Unterhaltungskino Hollywoods zu seinem Vorsprung.

Die Erfahrungen mit diesem propagandistischen und ideologischen Einsatz von Rundfunk und Film zum Zwecke der Massenmanipulation, sowie mit den massiven kommerziellen Interessen in den USA waren leitend für die Medienauffassung der Theoretiker der "Frankfurter Schule" um Horkheimer und Adorno. Die ersten, mit quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung durchgeführten Wirkungsstudien widmeten sich hingegen dem möglichst effektiven Einsatz der neuen Medien für politische (Wahlkämpfe) und wirtschaftliche (Film- und Hörspielproduktion, Werbung) Zwecke. Da sich in diesen Untersuchungen aber bereits deutliche Widersprüche zwischen der unterstellten Allmacht der Medien und den tatsächlich festgestellten Wirkungen zeigten 43, gab es ebenfalls vereinzelt Ansätze, die aktive Rolle von Rezipienten bei der Übernahme von Medienaussagen stärker zu berücksichtigen. Solche Versuche blieben jedoch Randerscheinungen und wurden erst Jahrzehnte später anhand des Alltagsmediums Fernsehen intensiv aufgegriffen.

2.2.6. Breite Akzeptanz des Kinos

Das Kino hatte bis in die vierziger Jahre weiter an breiter Akzeptanz gewonnen, die Zusammensetzung des Publikums hatte sich im Laufe der Jahrzehnte stark geändert: Waren die Nickelodeons und kleinen Ladenkinos noch von den städtischen Unterschichten dominiert gewesen, so stimmten Ende der vierziger Jahre die meisten US-amerikanischen Studien über Kinobesuch darin überein, daß

"Younger people attend more frequently than older people. Persons in higher socio-economic brackets attend more frequently than those in lower levels. The more years a person has spent in school, the more frequently he sees motion pictures" 44.

Weiter zeigen die Studien v.a. auch, daß sich Film und Kino über alle Schichten hinweg als Freizeitvergnügen durchgesetzt haben und zum Familienunterhaltungsmittel 45 geworden sind.

"Kino wird selbstverständlicher und in gewisser Hinsicht auch banaler Bestandteil des Wohn- und Lebensbereichs, der funktional Freizeitbedürfnisse zu erfüllen hat. Aus der Kultstätte wird ein kollektiver Freizeitort als fester Bestandteil von Alltagsleben und -bewußtsein" 46.

Die veränderte Kinonutzung schlägt sich auch in Architektur und Ausstattung nieder: Die verschiedenen dekorativen Elemente der Kinotempel, die in den Golden Twenties die mythenverhaftete Scheinwelt des Kinos demonstriert hatten, fallen nach und nach weg, die Räumlichkeiten werden funktionaler.

2.2.7. Siegeszug des Fernsehens - Niedergang des Kinos

Die Einführung des Fernsehens 47 hatte nachhaltige Folgen für die Entwicklung von Kino und Film. Schon seit den zwanziger Jahren hatte es erste, zeitlich wie räumlich begrenzte Versuchsausstrahlungen gegeben 48. 1945 wurde es in den USA eingeführt, Anfang der fünfziger Jahre in Deutschland. Innerhalb weniger Jahre drang es in die Mehrzahl der Haushalte vor und verdrängte die anderen Medien auf die hinteren Plätze. 1952 hatten noch weniger als 1000 Haushalte einen Fernsehapparat, fünf Jahre später bereits eine Million. Anfang der achtziger Jahre war die 20 Millionen-Grenze deutlich überschritten, 98% der Haushalte waren empfangsbereit, in den USA war dieser Stand bereits 1974 erreicht 49.

Der starke Wirklichkeitseindruck war immer eine besondere Eigenschaft des Films gewesen. Von Beginn an wandte sich das Fernsehen mit diesem Anspruch an die Zuschauer. "Die Funkausstellung 1953 lief unter dem Motto ,Die Welt in Deinem Heim'. Die Werbeslogans in den fünfziger Jahren lauteten ,Ihr Fenster zur Welt'" 50. Vor allem als Informations- und Dokumentationsmedium kam das Fernsehen mit seinen "Nachrichten" zu der herausragenden Stellung als "Verkörperer des Realitätsprinzips" 51. In den ersten Jahren kam dazu noch die Faszination, "Kino zuhause" erleben zu können. Wie vorher dem Radio, gelang es dem Fernsehen so innerhalb kürzester Zeit, in Alltag und Privatleben eines Großteils der Bevölkerung aufgenommen zu werden, wo es in den meisten Fällen nicht mehr wegzudenken ist. Es strukturiert zum Teil den Tagesablauf, v.a. aber dient es immer noch als erstrangige Informationsquelle über das Geschehen in der Außenwelt.

Mit einer steigenden Anzahl von Fernsehkanälen wurden nicht zuletzt aus kommerziellen Gesichtspunkten die Kriterien interessant, die die Auswahl seitens der Rezipienten steuern. Neben die Wirkungsperspektive trat in der sozialwissenschaftlichen Medienrezeptionsforschung deshalb seit den sechziger Jahren verstärkt die Frage nach der Nutzung der Medien - insbesondere des Fernsehens - und der Aneignung seiner Inhalte und Darstellungsweisen durch aktive Zuschauer (vgl. 3.2.1.). Als nach der anfänglichen Skepsis in den folgenden Jahren offensichtlich wurde, daß auch die Fernsehwirkung keine sofortige, unausweichliche, direkte sein kann, wurde von dementsprechenden Wirkungsmodellen abgerückt. Auch Adorno relativierte seinen anfänglichen Pessimismus in den sechziger Jahren (vgl. 3.1.1.). In der Medienwirkungsforschung setzten sich Modelle durch, die eine langfristige und indirekte Wirkung in starker Abhängigkeit von individuellen Rezipientenmerkmalen annahmen.

Die Wochenschau im Filmtheater war mit der weiten Verbreitung des Fernsehens obsolet geworden. Auch hinsichtlich seiner Unterhaltungsfunktion verlor das Filmtheater innerhalb kürzester Zeit seinen Reiz. Der negative Trend wurde durch die schnelle Verbreitung von Video-Recordern seit den siebziger Jahren weiter verstärkt. In den letzten Jahren konzentrieren sich Film- und Kinowirtschaft allerdings auf die besonderen Eigenschaften des Mediums bzw. des Medienorts. Es werden neue Versuche mit riesengroßen Leinwänden gemacht, die mehr als den Sichtkreis des Zuschauers ausfüllen (IMAX), neue Ton-Verfahren entwickelt, die gleichbleibende Qualität auf jedem Platz garantieren (THX) und alle Neuerungen hinsichtlich digitaler Bild- und Tonspeicherung genutzt. Viele Kinos sind in den letzten zehn Jahren modernisiert, mit neuer Bestuhlung, größeren Leinwänden, aufwendigeren Projektoren und Ton-Anlagen ausgerüstet worden. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre war dies sicher eine Reaktion auf die Konkurrenz durch Video und nun zunehmend auch Privatfernsehen. In den letzten Jahren nun war einer der Hauptfaktoren die Verschärfung des Wettbewerbs durch neu entstehende Multiplex-Kinos, mit bequemer, komforabler Einrichtung und modernster Vorführtechnik ausgestatteter Großkinos mit meist mehreren Sälen, die nebenher auch noch Bars, Restaurants und v.a. viel Platz zum Flanieren bieten.

Kleine Kinos, gerade die außerhalb der Stadtzentren, mit oft veralteter Ausstattung bleiben auf der Strecke. Als Filmkunst- und Programmkinos hatten sie bisher in entsprechenden Nischen überdauern können. Immer schneller kommen Filme aber inzwischen ins Fernsehen, die Wiederaufführungen früherer Erfolge locken dann nur noch wenige Liebhaber zum Besuch. Auch die kleinen Kinos müssen deshalb auf Erstaufführungen ausweichen, wo sie sich dann in direkter Konkurrenz mit den Großen befinden, die mit mehreren unterschiedlich großen Sälen das ganze Repertoire kleiner und großer, US-amerikanischer und europäischer, billiger und anspruchsvoller Produktionen abdecken können.

2.2.8. Auf dem Weg in die schöne neue Medienwelt

Während die Filmindustrie jedoch fleißig an einem Revival des Kinos als Unterhaltungsmedium Nummer Eins bastelt - nachdem das Fernsehen inzwischen ob seiner Alltäglichkeit auch einen großen Teil seiner anfänglichen Faszination eingebüßt hat und von der aktiv wahrgenommenen Freizeitbeschäftigung zur beiläufigen Hintergrunduntermalung zurückfiel, während immer mehr kleine und große Sender spezialisierte Programme für immer genauer definierte Zielgruppen ausstrahlen, während die beiden Standbeine des Fernseherfolgs - Information und Unterhaltung - unter dem Schlagwort Infotainment zu einer Flosse zusammenwachsen, wird schon seit einigen Jahren an neuen Medien gearbeitet, die u.U. in der Lage sind, alle bisher bekannten abzulösen - oder im dialektischen Sinn: auf einer anderen Ebene aufzuheben.

Wie zu den Anfangszeiten der Telekommunikation ist noch nicht genau absehbar, wohin die Reise geht - verschiedenes ist denkbar. Insofern wurde mit Multimedia ein passender Begriff gefunden, der einiges impliziert, aber doch vieles offen läßt. Zunächst meint Multimedia "nichts anderes, als die Verknüpfung von Bild, Text, Sprache und Video. Damit werden nicht nur relativ neue Entwicklungen, wie die Verbindung zwischen Telefon und Computer (...) bezeichnet, sondern als Vision buchstäblich die Vernetzung von allem mit allem" 52. Ein Computer ist jedoch, im heute üblichen Gebrauch des Wortes Multimedia, immer mit dabei, wie er auch sonst in allen nur denkbaren Bereichen Einzug gehalten hat.

Der erste Computer, ein elektronischer Rechner, wurde 1946 in Chicago gebaut. 1971 wurde der erste Mikroprozessor entwickelt, 1975 kam der erste Klein-Computer auf den Markt, der auch für Nicht-Techniker gedacht war 53. In dem Maße, indem die "Rechenmaschinen" kleiner und preisgünstiger wurden, nahm auch ihre Verbreitung ständig zu , v.a. Anfang der neunziger Jahre. Damit einher ging auch der Trend zu immer "benutzerfreundlicherer" Software, die es einer möglichst breiten Käuferschicht erlauben sollte, die Geräte mit möglichst wenig Vorwissen zu benutzen.

Auf Dauer ist wohl mit dem "Zusammenwachsen" der bisher getrennten Geräte Fernseher, PC und Telefon zu rechnen. Ob das Resultat wie ein Fernseher mit zusätzlicher Spielekonsole aussehen wird, oder eher wie ein Kleincomputer mit Fernsehmöglichkeit, läßt sich noch nicht genau sagen. Jedenfalls wird das entsprechende Endgerät vermutlich per Modem und Telefonleitung an ein globales Datennetz angeschlossen sein, über das jederzeit Zugriff auf Informationen, Unterhaltungsangebote herkömmlicher (incl. Video on demand, dem Abruf digital gespeicherter Spielfilme), und neuer Art (Interaktives Fernsehen, Möglichkeit der Teilnahme am Programm) besteht. Nach der aktuellen Entwicklung wird das entsprechende Netz - der Information Highway - aller Voraussicht nach aus dem Internet hervorgehen, dem derzeit größten Computernetz, das in einem US-amerikanischen Militärprojekt Ende der sechziger Jahre seinen Anfang nahm, sich durch die Einbindung von Universitäten, Rechenzentren und privatwirtschaftlichen Netzen in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre stark ausbreitete und in den letzten Jahren verstärkt kommerzielle Nutzung und einen dementsprechenden Ausbau des Angebots erfährt 54.

2.3. Der Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften

Thema der Arbeit ist ein Vergleich verschiedener Theorien zur Medienrezeption, und zwar ein Vergleich soziologischer Theorien - dennoch finden auch psychologische, pädagogische und kommunikationswissenschaftliche an einigen Stellen Erwähnung, wenn sie als wichtiger Bezugspunkt in einen Ansatz eingeflossen sind, der in der soziologischen Betrachtung von Medienrezeption bedeutend ist. Dies ist nicht selten der Fall, denn dieses Untersuchungsgebiet markiert eine Schnittstelle verschiedener Disziplinen. Lange Zeit wurde nebeneinander geforscht, wurden die Ergebnisse der jeweils anderen Fächer nicht zur Kenntnis genommen, obwohl sie durchaus hätten anregend wirken können, wie sich an der Befruchtung durch die Literaturwissenschaften in den Cultural Studies (vgl. 3.2.2.) oder der starken psychologisch-pädagogischen Ausrichtung beim strukturanalytischen Modell (vgl. 3.2.3.3.) zeigt.

Was wird an den entsprechenden Theorien nun verglichen, anhand welches Kriteriums werden sie verglichen bzw. was ist von solch einem Theorievergleich überhaupt zu erwarten? Es gab in den siebziger Jahren in der Folge des Positivismusstreits eine Diskussion darüber, ob es denn nützlich sei, sozialwissenschaftliche Theorien in vergleichender Perspektive zu betrachten. Vertreten wurden dabei sehr "verschiedene Auffassungen, wobei einige den Vergleich theoretischer Ansätze als zwecklos, andere als sinnvolle Aufgabe" 55 ansahen. Diese Diskussion wurde auf den Soziologentagen 1974 in Kassel und 1976 in Bielefeld und dazwischen und danach auf einigen informellen Tagungen geführt. Von Karl Otto Hondrich wurde beispielsweise ein Katalog von Vergleichsgesichtspunkten aufgestellt, der zehn Dimensionen unterschied: Gegenstandsbereich, Problemhinsicht, Problemlösungen, Erkenntnisleistungen, Logischer Status, Strukturmerkmale, Verfahren der Datengewinnung, Prioritäten und Strategien, Relevanz für praktische Problemlösung, soziale Voraussetzungen von Theorien 56. Der Zweck eines solchen systematischen Vorgehens sollte sein, "die Konzeptualisierungsleistungen aufzudecken, die sich in verschiedenen theoretischen Ansätzen hinter den in ihnen etablierten Konzeptstrukturen verbergen" 57, um die Unterschiede bezüglich Konzeptbildung und -verwendung in verschiedenen Theorien nachzuvollziehen. Dieser Kriterienkatalog schien sich jedoch im Rückblick "bei aller Brauchbarkeit im einzelnen - im ganzen doch als wenig tauglich zu erweisen, den Weg zu einem gemeinsamen Bezugsrahmen für die Rekonstruktion unterschiedlicher Theorieansätze zu eröffnen" 58: Der systematische Konzeptvergleich wurde außerdem bald als Ganzes verworfen. Es wurde erkannt, daß "durch den bloßen Vergleich theoretischer Begriffe, losgelöst von ihrem nomologischen Kontext und den verwendeten Korrespondenzregeln" 59 diese Begriffe ihrer Bedeutung beraubt würden und der ganze Vergleich damit zu keinem brauchbaren Ergebnis führen könne.

Als fruchtbarer wurde zunächst der Versuch betrachtet, "an ausgewählten Themen- und Objektbereichen die Reichweite und Erklärungskraft verschiedener Theorieansätze vergleichend zu prüfen" 60. Hier ergäbe sich freilich noch stärker die Notwendigkeit, Kriterien und vergleichbare Gesichtspunkte zu definieren, anhand derer vorgegangen werden sollte. Eine Aufsplittung der jeweiligen Ansätze in Elemente wie

"Definitionen, Korrespondenzregeln für die Verwendung theoretischer Begriffe, soziale Zustandsbeschreibungen und Situationsmodelle, bevorzugte Forschungstechniken und wissenschaftstheoretische Problemlösungen, oder ein Interesse für bestimmte Problembereiche" 61

führt nach Lindenberg und Wippler zu einer "bloßen Inventarisierung" soziologischer Theorie. Seyfarth wandte sich dagegen, "einfach alle möglichen zu einem bestimmten Zeitpunkt vorliegenden und marktgängigen Ansätze als solche (...) miteinander zu vergleichen" 62.

"Schon der Umstand, daß nicht alle in Vergleich gebrachten Theorieansätze zu bestimmten Themen- oder Objektbereichen gleichermaßen entwickelte Aussagen anzubieten haben, ließ (...) die Grenzen eines solchen Vorgehens schnell deutlich werden" 63.

Allein die jeweilige Ausrichtung eines Ansatzes sorgt dafür, daß bestimmten Bereichen stärkere Bedeutung beigemessen wird als anderen, vom jeweiligen Entwicklungsstand ganz abgesehen.

Schließlich mündete die Diskussion in die Präferenz eines Theorienvergleichs, der sich "an einem Theorienpluralismus im Sinne der modernen wissenschaftstheoretischen Literatur orientiert" 64. In einer Stellungnahme zu den vertretenen Standpunkten bezüglich Theorienvergleichen in den Sozialwissenschaften formulierte Norbert Klinkmann ein Verständnis, das auch dieser Arbeit zugrunde liegt. Klinkmann kritisiert Vergleiche nach einer "krampfhaft erstellten Methodologie" 65, die auf eine Hierarchisierung von Ansätzen abzielen. Statt dessen plädiert er für ein vergleichendes Vorgehen, bei dem es um eine Erweiterung des paradigmatisch eingeengten Sichtfeldes geht, also darum, nach und nach verstehend einer multiperspektivischen Erfassung eines Gegenstandsbereichs näher zu kommen.

"Auf diese Weise werden und wurden in der Tendenz vermutlich schon immer Theorien nebeneinandergestellt, auf lockere aber doch ernsthafte Art: im ganz selbstverständlichen, nicht nur durch das wissenschaftliche Ethos bedingten Austausch von Ideen nämlich, im täglichen ,Wie meinst du das?' und ,Das stimmt doch nicht!'. An dieser Stelle müßte weitergearbeitet werden - in Richtung auf eine pluralistische Soziologie" 66.

Opp hat jüngst erneut auf Theorienvergleiche zurückgegriffen, nachdem es um diese Thematik seit Anfang der achtziger Jahre ruhig geworden war. In einem gemeinsam mit Wippler veröffentlichten Sammelband mit mehreren empirischen Theorienvergleichen zu verschiedenen Spezialgebieten, knüpfen die beiden explizit an die Idee des theoretischen Pluralismus an, die sie mit der Grundüberlegung charakterisieren: "die wirksamste Kritik einer Theorie besteht darin, sie mit alternativen Theorien zu konfrontieren" 67. Als Problem sehen sie, daß in den Sozialwissenschaften "für jeden zu erklärenden Sachverhalt meist eine Vielzahl konkurrierender Theorien" 68 vorliegen, weshalb in erster Linie geklärt werden müsse, welche Theorien für einen Vergleich herangezogen werden. Opp schlägt vor - und dem soll hier entsprochen werden -

"solche Theorien für einen Vergleich auszuwählen, die besonders fruchtbar erscheinen. Ein Kriterium für die Fruchtbarkeit von Theorien ist das Ausmaß, in dem Theorien in der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion vertreten, angewendet und weiterentwickelt werden" 69.

Dieses Kriterium war leitend bei der Auswahl einiger Theorien aus der Flut von Veröffentlichungen zu Medienwirkungen und Medienaneignung. Einige werden inzwischen kaum noch vertreten oder angewendet, wie z.B. das einfache Reiz-Reaktions-Schema der Wirkungsforschung. Sie wurden dennoch hier berücksichtigt, wenn sie wichtige Stationen auf dem Weg zu erklärungskräftigen Modellen für Medienrezeption darstellen, und wenn in aktuellen Veröffentlichungen immer noch häufig auf sie Bezug genommen wird, und sei es nur, um die Vorzüge eines neuen Modells an den Mängeln des alten zu messen. Die Häufigkeit, in der nach Jahren immer noch auf alte Modelle eingegangen wird, kann ja durchaus als Indiz für ihre wichtige Stellung zu einem früheren Zeitpunkt der Theorie-Entwicklung gewertet werden. Demgemäß waren sie unter Umständen zu einem bestimmten Stand der Medienentwicklung besser als andere geeignet, Rezeptionsvorgänge zu erklären. Dies könnte dann unter Umständen auch damit zusammenhängen, daß sie die Charakteristika bestimmter damals gebräuchlicher Medien besonders gut erfassen. In dem Maß, in dem diese durch neue Medien und neue Formen deren Nutzung verdrängt wurden, verloren möglicherweise auch die daran entwickelten Rezeptionstheorien ihre Aussagekraft. Für die Untersuchung einiger spezieller Medienangebote sind sie jedoch möglicherweise immer noch hilfreich.


Gliederung
Kapitel 1

Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Literaturverzeichnis


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