Über Medien, ihre Bedeutung in unserer Gesellschaft, ihren Einfluß auf Demokratie und Öffentlichkeit, den politischen Meinungs- und Willensbildungsprozeß, die Konsequenzen ihrer Struktur und ihrer technischen Weiterentwicklung, ihre Chancen und Gefahren, die Folgen und Wirkungen ihrer Inhalte und Darstellungsweisen und über viele weitere Aspekte moderner Kommunikationstechnologien gibt es unzählige Untersuchungen und dementsprechende Berge von Veröffentlichungen. Es wurden in den letzten Jahrzehnten mannigfaltige Modelle für die Zusammenhänge verschiedenster Detailbereiche entwickelt - psychologische, pädagogische, natürlich kommunikationswissenschaftliche, aber auch wirtschaftswissenschaftliche, medizinische, literaturwissenschaftliche, kunstgeschichtliche...und nicht zuletzt soziologische.
Um einen - m.E. wichtigen - Teilbereich geht es in dieser Arbeit: Um die Rezeption von Medieninhalten. In der - wiederum weitgehend medial vermittelten - öffentlichen Diskussion werden die Folgen von Medienkonsum im allgemeinen negativ eingeschätzt. Vor allem der Einfluß von Pornographie und Gewaltdarstellungen wird häufig thematisiert, zuletzt in Deutschland anläßlich des Prozesses gegen einen 15-jährigen, der seine Cousine und eine Nachbarin mit einem Buschmesser und einer Axt angriff und verletzte. Das Gericht sprach in seiner Urteilsbegründung von einer "Teilschuld der Medien" und wertete den "suchtartigen Konsum von Horrorvideos" des Jungen als strafmildernd 1. In den USA ist in nächster Zeit möglicherweise eine verstärkte Auseinandersetzung über die Thematik zu erwarten: Der bekannte Bestseller-Autor John Grisham verklagte den nicht minder populären Filmemacher Oliver Stone, weil dieser als Regisseur des umstrittenen Kinofilms Natural Born Killers für den Amoklauf eines jugendlichen Pärchens verantwortlich zu machen sei. Das Paar hatte sich diese gewalttätige Variation des Bonnie and Clyde-Themas im LSD-Rausch mehrfach am Stück angesehen, bevor es zu einer blutigen Tour durch die umliegenden Ortschaften aufbrach 2. Sollte es in dieser Sache zu einem Prozeß kommen, werden die unterschiedlichen Standpunkte sicher auch wissenschaftlich belegt.
Von wissenschaftlicher Seite ist die Vermittlung zwischen Rezipienten und Medien im Laufe der Zeit mit verschiedenen Begriffen zu fassen versucht worden: Die Wirkungen von Medien wurden und werden seit den Anfängen ihrer Entwicklung analysiert, von der Manipulation durch die Medien war die Rede, in den letzten Jahren ist Aneignung die präferierte Umschreibung. Selbst Rezeption ist in jüngster Zeit als zu einseitige Formulierung bezeichnet worden, da sie schon für einen Teil der neueren Modelle Stellung bezieht, indem sie den Rezipienten die aktive Rolle im Vermittlungsprozeß zuspricht. Hier ist für die Zukunft wohl wieder ein Wechsel des Vokabulars zu erwarten. In dieser Arbeit soll allerdings Rezeption noch als Oberbegriff für alle Formen der medialen Kommunikation und ihrer Folgen gelten.
Auch dieser Teilaspekt Medienrezeption ist mit vielfältigen Abhandlungen verschiedener Wissenschaftsdisziplinen abgedeckt. Bei weitem nicht alle können in den folgenden Kapiteln genannt werden. Konstruktivistische Positionen etwa wurden nicht berücksichtigt 3. Einige theoretische Ansätze habe ich in Hinblick auf ihren Einfluß in der Mediensoziologie - gemessen an der Fülle der Publikationen, in denen sie genannt oder herangezogen werden - für eine vergleichende Darstellung ausgewählt. Was von einem solchen Vergleich von Theorien überhaupt zu halten bzw. zu erwarten ist, soll unter Bezugnahme auf eine sozialwissenschaftliche Kontroverse der siebziger Jahre in Kapitel 2 erörtert werden.
Zunächst werde ich mich allerdings der Bedeutung von Massenmedien, audiovisuellen Medien im besonderen, für unsere heutige Gesellschaft und Kultur widmen, sowie kurz ihre Geschichte und Entwicklung von den kinematographischen Anfängen bis hin zu aktuellen und zukünftig zu erwartenden multimedialen Angeboten skizzieren.
In Kapitel 3 werden dann die ausgewählten Theorien und Modelle vergleichend dargestellt und diskutiert. Ich halte mich in der Gliederung an die in der Mediensoziologie übliche Unterteilung in medienzentrierte und rezipientenorientierte Ansätze. Zwei der dargestellten Ansätze sperren sich dieser Einteilung, weil sie in ihren Grundpositionen darauf angelegt sind, den klassischen einschränkenden Gegensatz der beiden Sichtweisen aufzuheben. Sie werden deshalb in einem eigenen Unterpunkt des dritten Kapitels behandelt.
In Kapitel 4 wird ein Aspekt aufgezeigt, der in den erörterten Theorien bisher nur am Rande oder gar nicht thematisiert wurde: Die Abhängigkeit der Rezeption von der Art des jeweiligen Mediums und der mit ihr verbundenen Rezeptionssituation. Anhand der Charakteristika der Filmrezeption am Medienort Kino im Vergleich zu den Eigenheiten des Fernsehens soll aufgezeigt werden, auf welche Umstände und Besonderheiten spezifischer Medien und ihrer Rezeptionsweisen genauer eingegangen werden könnte. Schließlich soll noch auf Erwartungen eingegangen werden, die mit der zukünftigen multimedialen Entwicklung verknüpft werden.
Gliederung
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Literaturverzeichnis